Gedanken zur Jahreslosung Verfasser: Dr. Stephan Schaede, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland

Alles oder nichts. Noch im Jahr 2025 sollten wir laut Jahreslosung im Namen des Apostel Paulus alles prüfen. Jetzt heißt es: »Ich mache alles neu.«

Alles oder nichts? Und ich denke nur: Ich möchte ja gerne mit Herzblut gestalten. Aber meine Kräfte sind endlich. Gibt es nicht etwas dazwischen, zwischen alles und nichts? Ich möchte gerne einmal einen Augenblick lang in Ruhe gelassen werden: von diesen Alles-muss- neu- und Ganz-anders-Forderungen.

Aber immer wieder heißt es: »Radikal neu«. Der Topmanager Thomas Sattelberger stellt fest, dass die zentrale Voraussetzung für eine belastbare Lebenszukunft die Bereitschaft zur radikalen Erneuerung sei. Diese Bereitschaft fehle aber an allen Ecken und Enden. Und das ausgerechnet in einer Zeit, die von radikalem Wandel geprägt sei wie keine andere in den letzten Jahrzehnten: Krisen, Krieg, Künstliche Intelligenz ... Machen wir weiter wie bisher, sei der Abstieg vorprogrammiert, politisch – ökonomisch, gesellschaftlich. Persönliches Mittelmaß könnten wir uns nicht leisten.

Der Digitalitätsforscher Sascha Frieseke vom Weizenbauminstitut Berlin wirbt in einem You-Tube-Video, Kreativität sei eine wichtige Zukunftsfähigkeit, um alles neu aufzustellen zu können … Organisationen liefen aber Gefahr, Kreativität zu verhindern. Dafür beruft er sich auf die amerikanische Kreativitätsforscherin Teresa Amabile, die die Frage gestellt hat: How to kill creativity – Wie bringst Du Kreativität ums Leben? Mit Koordination, Produktivität und Kontrolle erstickten Organisationen die drei zentralen Fähigkeiten, die alles neu werden lassen, nämlich Vorwissen Raum zu geben, Fähigkeit zum kreativen Denken zu fördern und Motivation zu schüren. Es komme darauf an, Netzwerke möglicher Wanderschaften zu schaffen und viel Prozessfreiheit zu eröffnen, damit Menschen sagen: hier kann ich alles neu entwickeln.

Eine Jahreslosung, die sagt: »Ich mache alles neu!«, ein Topmanager, der sagt: »Du musst Dich radikal erneuern«; Kreativitätsforscher, die sagen: »Sei kreativ und denke neu und lass Dich nicht von Organisationen daran hindern.« Alles oder nichts. Ich möchte gerne einen Augenblick lang in Ruhe gelassen werden. – Aber das lässt mich nicht in Ruhe.

Und ich denke weiter: Die Kirche wird auch nicht in Ruhe gelassen, lässt sich selbst nicht in Ruhe. Transformationsprozesse werden angeschoben. Bücher mit dem Titel »16 Anfänge für das Christsein von morgen« kommen auf den Markt.

Auf einer Homepage sehe ich saftige Zitronen- und Orangenschreiben, frische aufgeschnittene Ananas, Sternfrucht und der verlockende violett-orangene Kontrast der Passionsfrucht. In diese Früchte eingebettet die Worte: »Frisches für die Kirche von morgen«.

Und da das Lamm das siebte Siegel öffnete, war eine Ruhe in dem Himmel bei einer halben Stunde (Offb 8,1). So beschreibt die Offenbarung des Johannes einen Augenblick der Ruhe. Ein für einen Augenblick in Ruhe gelassener Himmel! Der gesamte Himmel, alles, wirklich alles still. Und eingebettet in diese Stille hinein: Siehe, ich mache alles neu.

In den 21 langen Kapiteln der Offenbarung des Johannes ergreift Gott nur an zwei Stellen selbst das Wort. Gleich zu Beginn, wo er sagt: Ich bin das A und das O (Offb 1,8) und hier: Siehe, ich mache alles neu (Offb 21,5).

Zwei kurze Ansagen direkt von Gott: Ich bin das A und das O und Siehe, ich mache alles neu. Gott fasst sich kurz und prägt zweierlei ein: Gott umfasst alles, Raum und Zeit. Und in dieser alle und alles umfassenden Kraft, die Gott hat, macht er alles neu.

So fasst sich Gott kurz. Keine stundenlange, seitenlange, fortwährende Erneuerungstirade lässt bei dem Seher Johannes den Groschenfallen, wie Neues werden kann.

Aus einer den Lebensatem anhaltenden himmlischen Ruhe heraus öffnet ihm die konzentrierten Ansage Gottes die Augen: Siehe, ich mache alles neu. Die entfaltet ihre Wirkung. Johannes kann gar nicht anders als in Bildern von dem reden, was ihm durch diese Ansage Gottes aufgegangen ist. Und das, was er sieht, ist nichts weniger als ein neuer Himmel und eine neue Erde (Offb 21,1), der jetzt Wirklichkeit wird.

Er sieht in der Gegenwart als Möglichkeiten Gottes eine Welt, in der das Meer nicht mehr ist (Offb 21,1). Es steht nicht mehr ein Meeresabgrund, nichts Trennendes mehr zwischen den Menschen. Die Ungeheuer der Lebenszerstörung, die aus der Tiefe des Alltags aufsteigen, haben keinen Lebensraum mehr.

Johannes sieht eine Welt, in der Gott mitten unter den Menschen aller Völker wohnt (Offb 21,3), eine Welt, in der Gott sich jedem einzelnen Menschen annimmt und alle Tränen abwischt (Offb 21,4). So macht Gott alles neu. Das ist kein Bruch mit der Vergangenheit. Im Gegenteil, jede Träne, jedes einzelne Leid wird erinnert, getröstet, versöhnt.

Ich möchte gerne mit Herzblut gestalten. Und mir geht jetzt langsam auf: Alles oder nichts. Das ist nicht die Devise des Johannes. Seine von Gott inspirierte Devise ist: Alles kann werden. Alles wird sogar werden.

Gibt es eine Chance, dies einzusehen, spürbar, erlebbar? Der Hinweis des Johannes ist: Raum für Ruhe, Ruheorte, Ruhezeiten einrichten, Räume und Zeiten, die uns die Zeit geben, auch in unseren Lebensmomenten zu entdecken, wie nicht wir selbst alles neu machen müssen, sondern wie in ihnen Neues entsteht, vielleicht sogar zu entdecken, wie Gott in ihnen alles neu macht. Räume und Zeiten also, die den Blick für die Netzwerke möglicher Wanderschaften eröffnen, die der Digitalitätsforscher Sascha Frieseke so dringend gefordert hat, Räume also, in denen ich mich, in denen sich die Kirche nicht zurückziehen muss, sondern sich mit Gott auf eine Wanderschaft macht, die vor Augen führt: Alles wird werden, alles kann werden durch und über alles persönliche Mittelmaß hinaus.

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